Marco Montiel-Soto
Im Büro
"Ich gehe nie, komme immer zurück"

 

Eröffnung: Freitag, 15. April 2011 18 Uhr
Ausstellungsdauer: 15.April – 28. Mai 2011

" Zeit ist die Substanz, von der ich gebildet werde. Zeit ist ein Fluß, der mich entlang trägt, aber ich bin der Fluß; sie ist ein Tiger, der mich verschlingt, aber ich bin der Tiger; sie ist ein Feuer, das mich verbraucht, aber ich bin das Feuer." Jorge Luis Borges

Die Hamish Morrison Galerie freut sich, eine Ausstellung des venezuelanischen Künstlers Marco Montiel-Soto im Büro zu präsentieren. Dies ist seine erste Einzelausstellung in der Galerie.

"Ich gehe nie, komme immer zurück", diesen und andere Aphorismen tippt der Künstler mit einer Olivetti Schreibmaschine in Deutscher, Englischer oder Spanischer Sprache  auf lange Abschnitte schmaler Papierstreifen alter Kassenrollen, die er nebeneinander und übereinander an eine Wand pinnt. Die vollständige Installation trägt den Titel "Stop the plane! I need to return".

Selbst ein Reisender, ein Immigrant, befindet Montiel-Soto sich ständig auf der Rückkehr, auf der Rückkehr in seine Heimat Maracaibo oder von dort, auf der Rückkehr in seine Wahlheimat Berlin. Er bewegt sich aus der Deutschen über die Englische Sprache hin zu seiner Muttersprache Spanisch und wieder zurück.Diese ewige, scheinbare Rückwärtsbewegung führt ihn immer weiter in seine Zukunft. Montiel-Soto verwendet die Verwirrung dieser paradoxen Zeitreise wie ein mentales Prisma. Wenn sich die Zukunft aus einer Rückwärtsbewegung ergeben kann, dann können Erinnerungen auch gleichbedeutend mit Hoffnungen sein. Startpunkt und Ziel der Reise werden zu imaginären Orten der Sehnsüchte des Künstlers und verschmelzen miteinander. Orientierungshilfe auf seiner Reise bieten Erlebnisse, gefundene Zeugnisse von Erlebnissen anderer, Gehörtes, Gesehenes, Geträumtes. So entsteht mit den Werken des Künstlers sein ganz persönliches Musée Sentimental .

Da für den Künstler die Zeit nicht linear verläuft, sondern sich Gegenwart und Vergangenheit permanent vermischt, sind viele vermeintlich vergangene Techniken und Materialien immer wieder brandaktuell; Schreibmaschinen, Kassenrollen, alte Postkarten, Text, Video, Dias, Kassetten, Objekte, Installationen, Kunst und Wunderkammern, Fotos von Fotos von Vorlagen, die manuell manipuliert wurden etc. Dabei entspringt der melancholische Unterton, der in fast allen Werken mitschwingt durchaus einer bewussten Komposition.

Es versteht sich fast von selbst, dass Marco Montiel-Soto ein leidenschaftlicher Sammler ist. Er sammelt fremde Erinnerungen, die er liebevoll adoptiert und die sich mühelos in die Familie der eigenen Erinnerungen integrieren. Die Erfahrung, dass sich nach einem gewissen Zeitraum der Immigration die kollektiven und individuellen Erinnerungen der verschiedenen Kulturen überlagern, bedingt unweigerlich eine Verunsicherung bezüglich der eigenen Identität und dem Wesen einer kohärenten Identität im Allgemeinen. Es stellen sich unter anderen die Fragen: Was genau verliert man eigentlich, wenn man glaubt Teile von sich selbst verloren zu haben? Kann man diese Lücken mit zufälligen, gefundenen oder erdachten Erinnerungen, Erlebnissen und Möglichkeiten wieder auffüllen? Ist die Illusion nicht gleichberechtigt mit der vermeintlichen Realität?

Die sehr persönlichen Fragen Montiel-Sotos werden durch die wunderbare Poesie ihrer Darbietung, zu einem empathischen Spiegel unserer Sehnsucht nach der Akzeptanz der eigenen Widersprüchlichkeit und gleichzeitig zu einer global-gesellschaftlichen Vision der Möglichkeit vieler heterogener, nahe zu poetischer Identitäten, deren verbales Bindeglied unter anderem die englische Sprache darstellen mag.

Marco Montiel-Soto wurde 1976 in Maracaibo (Venezuela) geboren. Dort absolvierte er 2002 die Schule für Fotografie Julio Vengoechea. Nach einer ausgiebigen Reise kreuz und quer durch Europa, ließ er sich 2007 in Berlin nieder. Von 2009 bis 2011 absolvierte er hier den Masterstudiengang Sound Studies an der UDK. Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Ausstellungen in Südamerika, den USA und Europa präsentiert. Marco Montiel-Soto lebt und arbeitet in Berlin und Maracaibo.