Viktoria Tremmel

Geboren 1972 in Lauterach, Österreich. Die Künstlerin lebt und arbeitet in Wien.

Beim Versuch, über die Arbeiten von Viktoria Tremmel zu schreiben, fühlt man sich dazu verleitet, den Körper als zentrales Motiv einzuführen: der Körper als Schauplatz, der Körper der Frau, der Körper als Bild, der Körper als Ort, der verletzte Körper usw. So berechtigt diese Themen angesichts ihrer Werke erscheinen, so neigen sie dazu, die Realität aufzuspalten in einen Körper und seine Umgebung. Was damit implizit ins Feld geführt wird, ist die Vorstellung eines Innen und Außen – einer Innerlichkeit und einer Kultur, die diesem Körper als Außen fremd, bedrohlich oder verletzend erscheint. Dieser Konflikt zwischen einem Innen und Außen verleitet dazu, sich in der Interpretation mit dem Körper und dessen Innerlichkeit zu identifizieren und die Gründe für die jeweilige Form der Befindlichkeit in einem inkongruenten Außen zu lokalisieren. Das Ergebnis wäre dann die variable Form der Erkenntnis, dass das einzelne Subjekt, das Individuum, immer Gefahr läuft, an den Bedingungen der Gesellschaft und Kultur zu zerbrechen und – um nicht ganz zu zerbrechen – immer wieder aufzustehen und eine Position einzunehmen, die zumindest einen Blick auf das tragikomische Schauspiel erlaubt. Der Blick wäre hier das Instrument für die Herstellung einer Distanz, die stets und augenblicklich droht, in der Konfrontation mit dem Außen verloren zu gehen.(...)

Die Realität, die von Viktoria Tremmel skizziert wird, kennt nur eine Kraft, die Belebtes und Unbelebtes gleichermaßen durchfließt und regiert. Innen und Außen sind nur variable Perspektiven auf einen analogen Wirkungsmechanismus. Wollte man ihre ästhetischen Parameter definieren, dann wäre es der präzise Versuch, diese Allgegenwart eines Gewichts, einer Kraft, einer kulturellen Schwerkraft ins Bild zu bringen und sich mit dieser zu messen, indem sie allein einen Blick auf diese freilegt – aus einer Distanz, die es nicht gibt. Was damit unter Druck gerät, ist das Plädoyer für die Bedeutung des Subjekts, für das Gewicht, das der Identität damit aufgehalst und abverlangt wird. Was damit auch in Frage gestellt wird, ist die Vorstellung einer Kultur, die das Subjekt nur umgibt.   

Andreas Spiegl , Das Gewicht der Schwerkraft