Sophia Schama

Jennifer Allen, Sophia Schama, Städtische Galerie Dresden, Frieze, Sommer 2011

ruled by no rules, 2011
Urban Jungle, 2008

Sophia Schama (*1966, lebt in Berlin) erstellt einen geradezu physischen Dialog mit dem Gemälde. Sie malt, überstreicht, bedeckt, kratzt ab.... Eine gewisse Spannung entsteht aus der Beziehung der Farben zueinander, dem Monumentalen, der Energie der Gesten sowie der Größe der Gemälde, ein prächtiges Gleichgewicht erscheint als das Ergebnis eines veritablen Kampfes. Wie in einem permanenten Feldzug tastet sich Schama vor, sie streicht weg, stellt um, beginnt von Neuem, fährt ohne Unterbrechung fort und stellt alles in Frage: die Geste, die Farbe, den Werkstoff, die Sättigung der Farben, den Effekt der Oberfläche... Nichts bleibt dem Zufall überlassen, alles zusammen geht in einen Prozess ein in dem Versuch, die Elemente zu bezwingen.
Die  extrem sorgfältigen und scharfsinnig gewählten Pinselstriche verteilen sich auf das gesamte Gemälde; sie zeugen von einer gründlichen Beobachtung der natürlichen Bewegungen der Gewächse, von denen sich Schama inspirieren lässt. Das Motiv wird nicht systematisiert, sondern gewissermaßen in ein eigenes Bildervokabular übersetzt, welches es der Künstlerin ermöglicht, mit Hilfe der Technik und der Geste, die Identität zu schärfen, ohne sie zu verhärten und dabei ihre eigenen Prinzipien zu erfinden. Immer auf der Suche nach dem Wesen einer Sprache der Malerei ist die Komposition ihrer Werke geprägt durch die Schönheit, die Pertinenz und das Potential der Bedeutung des Gleich- bzw. des Ungleichgewichts; beinahe wie eine Reminiszenz an Rocaille, an die Bewegung des Gewichts und des Gegengewichts.

Die Natur entspricht einer Kraft, die den Menschen mit einbezieht und ihn gleichzeitig überragt. Schamas Malerei richtet sich sowohl an unser Gefühl als an unseren Intellekt, indem sie den Menschen zum wesentlichen Thema macht, und wird somit zur Szenerie einer möglichen Versöhnung mit der Natur. Unermüdlich malt sie die unterschiedlichen Stadien dieses Versuches, Geheimnisse und den Zauber des Lebens und sucht nach der Form, der Farbe und der Eroberung des pikturalen Raumes, des Motivs, das bereits zur Geste geworden ist; auf diese Weise versucht sie die Kraft, die Gefährlichkeit und das Erhabene der Natur, ob es in deren Gewalt oder in der Ausübung ihrer Überlegenheit liegt, auszudrücken. Manchmal taucht die Natur ganz behutsam auf, indem sie einen Raum zurückerobert, der zeitweilig von der menschlichen Zivilisation, die sich bereits als lebenslanger Besitzer wähnte, besetzt war. Die Zivilisation wird dann eines Besseren belehrt, von irgendeiner Katastrophe mühelos weggefegt. Die Gemälde Sophia Schamas bilden zum einen eine brillante, prächtige und spektakuläre Suche nach dem Wesen des Menschen, zum anderen richten sie eine kraftvolle Hommage an die Natur. Sophia will den Zeitgenossen dazu bewegen, seine Selbstbezogenheit aufzugeben und ihn dazu einladen, die Welt, die ihn umgibt, zu beobachten, damit er sich selbst erkennt.