Jörg Scheibe

Disappearer, 2011
Im Büro, 2010
Terminal Beach, 2008

In den Gemälden von Jörg Scheibe (*1966 in Ebersbach/Sachsen, lebt und arbeitet in Berlin) werden architektonische Ansichten, Elemente und Eindrücke „gesampelt" und übereinander geschichtet wie Spuren eines Musikstückes. Die Bilder von Jörg Scheibe sind schroff, kantig und sie fordern den Betrachter, der seinen Blick nur mühsam durch die wirren Strukturen lenkt und dem es nicht zu gelingen scheint, das Gesamtbild völlig zu erfassen. Die in gedeckten Grau-, Blau- und Violetttönen gehaltenen Farben unterstreichen den kühlen Gegenstand der Bilder, die markanten Flächen und Formen bewegen sich an der Grenze zum Abstrakten bzw. zitieren gefundene Abstraktion. Scheibe schafft ein reges Wechselspiel von Räumen und Distanzen in seinen Bildern; er erfindet Strukturen, die an Ruinen erinnern und Platz lassen für Erinnerungen, Assoziationen, Träume. Zwischen den Fugen, Kanten und Blöcken herrschen hierarchische Beziehungen und Spannungen, die je nach Blickwinkel unterschiedlich ausfallen. Scheibe selbst spricht von „lokalen Konflikten" im Bildraum, bei denen es keinen eindeutigen Sieger gibt.

In seinen Gemälden setzt sich Scheibe intensiv mit Farbe, Licht und Duktus auseinander; er thematisiert die Funktion der Malerei im digitalen Zeitalter, in der die Wahrnehmung der Realität mehr und mehr durch mediale Filter geprägt wird. In seinen Bildern versucht Scheibe sich die Realität unterzuordnen indem er sie systematisiert, in eine scheinbare Ordnung bringt und auf diese Weise Komplexität reduziert. Am Ende dieses Prozesses steht jedoch immer die Kapitulation, sein „Eingeständnis der Niederlage gegenüber der Welt".

Jörg Scheibes Arbeiten auf Papier sind Kompositionen, die sich aus Einzelstücken, aus Rest-bzw. Abfallprodukten zusammensetzen. Auch hier „sampelt" Scheibe Fundstücke, in diesem Fall jedoch greift er auf seinen eigenen Fundus zurück und collagiert Fetzen und Schnipsel alter Siebdrucke, die er in den 90er Jahren anfertigte. Teils nach dem Zufallsprinzip, teils gezielt entstehen spannungsvolle Kompositionen, die Scheibes Farb- und Formen-Repertoire aus der Malerei zitieren. Statt der virtuellen Bilderwelt bemächtigt sich Scheibe eines eigenen Bilderfundus - die Möglichkeiten der Variationen werden dadurch auf natürliche Weise begrenzt. Der Künstler wird vom Computer an den Zeichentisch zurückgeholt. „Bei den Bildern von Garageland zwinge ich das Motiv unter das Regime von Computerbefehlen, bei den Collagen folge ich dem Fallen der Papierschnipsel".
Durch Gestaltung und Kombination von Versatzstücken schafft Scheibe unerwartete Objekte. Der Betrachter ist zur Wahrnehmung einer um einen möglicherweise erkenntnisfördernden Blick, Cut oder Pinselstrich von seinem täglichen Erfahrungsraum verschobenen Bildwelt herausgefordert.