Marike Schuurman, Time Zero

 

Eröffnung: Freitag, 13. Januar 2012, 18 Uhr
Ausstellungsdauer: Freitag, 13. Januar – Samstag, 11. Februar 2012

 

"Jede Ordnung ist irgendwie absurd und wachsfigurenhaft, wenn man sie zu ernst nimmt, jedes Ding ist ein erstarrter Einzelfall seiner Möglichkeiten. Aber das sind nicht Zweifel, sondern es ist eine bewegte, elastische Unbestimmtheit, die sich zu allem fähig fühlt. "

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften - II. Aus dem Nachlaß, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 2000, S. 1509

 

Die Hamish Morrison Galerie freut sich außerordentlich, die neueste Fotoserie der niederländischen Künstlerin Marike Schuurman (*1964) in der Einzelausstellung 'Time Zero' präsentieren zu können.

Marike Schuurman versteht Fotografie von jeher als adäquates Verfahren die Wirklichkeit zu transzendieren. Sie durchstreift die unterschiedlichsten Orte, beobachtet geduldig, entdeckt dabei Details, die dem modernen Menschen meist aufgrund seines längst verinnerlichten, visuellen Selbstschutzes entgehen.

Ihre Vorgehensweise erscheint wie die sorgsame Entfaltung einer temporalen Landkarte, auf der unbekannte kleine Nebenflüsse, Mündungen und Inseln der Zeit verzeichnet sind. Die Künstlerin inszeniert nicht, sie findet. Ihr Sehen ringt der Wirklichkeit deren verborgene Surrealitäten ab und hält sie fest. Die Ergebnisse sind manchmal entlarvend, manchmal überaus poetisch, aber immer virtuos komponiert.

Die in der aktuellen Ausstellung präsentierten Werke entstanden während eines Aufenthaltes Schuurmans in der Stadt São Paulo. Ihr Interesse an diesem Ort basierte vor allem auf dem dort vor ein einigen Jahren verhängten Werbeverbot in der Öffentlichkeit, eine Einzigartigkeit unter kapitalistischen Metropolen. Was enthüllt eine moderne Stadt, die sich selbst eines wesentlichen Teils ihres Make-ups und ihrer wesentlichen Accessoires entledigt hat?

Die Fotos, die auf dieser Reise entstanden, bergen eine komplexe Überraschung. In der Ausstellung 'Time Zero' sehen wir mittels Scanner digitalisierte und stark vergrößerte Polaroidaufnahmen, deren Bezug zur abgelichteten Wirklichkeit für den Betrachter nicht mehr nachvollziehbar ist. Diese Fotografien verdeutlichen einmal mehr die Rolle, die Schuurman den vorgefundenen Umständen zugesteht. In diesem Fall nicht nur der Auswirkung der vergehenden Zeit, während der sie ihre gesamte Aufmerksamkeit einem Ort und seinem Geschehen überlässt, sondern zusätzlich einem nicht kalkulierbaren Prozess, basierend auf der chemischen Reaktion überalterter Polaroidfilme.

Welch wunderbare Ironie, dass eine Technologie, deren Ursprung in dem Wunsch nach sofortiger und überprüfbarer Abbildung des Moments zu finden ist, zu einem nahezu magischen Apparat mutiert, der das sorgsam gewählte Motiv, den geduldig abgewarteten Augenblick, in eine abstrakte Komposition transformiert.

Farben, Formen, Spuren von Licht. Der `Geist in der Maschine´ scheint hier einen geheimen Pakt mit der Künstlerin und ihrer Suche nach Transzendenz geschlossen zu haben. Zu sehen sind Fotografien, deren Bezug zum eigentlichen Motiv nur noch von der Künstlerin selbst hergestellt werden kann, deren Poesie und Anmut jedoch in der Lage sind, jeden Betrachter in ihren geheimnisvollen Bann zu ziehen.

Aristoteles sah im Staunen den Beginn des Philosophierens, das einen starken Akzent auf die Verwunderung legt. Marike Schuurman gelingt es mit ihrer Fotoserie, dieses Staunen, diese Verwunderung in uns hervorzurufen, die uns erneut Anregung bietet,  über das Wesen der Fotografie zu philosophieren.

Marike Schuurman wurde 1964 in Groningen, Niederlande geboren. Sie studierte an der Vrije Academie in Den Haag, an der Gerrit Rietveld Academie und der Rijksakademie van Beeldende Kunsten in Amsterdam. Schuurman erhielt mehrere Atelierstipendien, die sie nach Finnland, Berlin, Peking und Brasilien führten. Ihre Arbeiten wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen präsentiert und sind unter anderen in der Sammlung des Ministeriums für ausländische Angelegenheiten, Den Haag, NL, der Sammlung KPN, Den Haag, NL und der Sammlung Hoffmann, Berlin sowie in verschiedenen privaten Sammlungen vertreten. Marike Schuurman lebt in Berlin.

Zur Ausstellung wird der Katalog mit dem Titel 'Time Zero' erscheinen.

 

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