JUDY MILLAR - Do Be Do


Eröffnung: Freitag, 25. Oktober 2013, 18 Uhr
Ausstellungsdauer: Freitag, 25. Oktober - Samstag, 16. November 2013
 
 

Die Arbeiten in der aktuellen Ausstellung von Judy Millar führen die konzeptuellen Anliegen der Malerin weiter, nämlich die Frage der Dislokation und der Falte in der Malerei. Sie werden durch eine zeitgenössische Interpretation der barocken Ästhetik der Verzögerung und Präsentation ausgedrückt. Es ist ein Merkmal des Barocks, dass er sich als eine räumliche Monade präsentiert, die autonom und räumlich geschlossen oder eingefaltet ist und somit die traditionelle Idee eines Bildes als Fenster in den Raum negiert. Der Raum des Bildes ist abgeschlossen. „Die Falte: Der Barock erfindet das unendliche Werk oder die unendliche Operation. Das Problem ist nicht, wie eine Falte beenden, sondern wie sie fortsetzen, die Zimmerdecke durchqueren lassen, sie ins Unendliche tragen.

 

Der für die Ausstellung ausgewählte Titel, neben seinem amüsanten Wortspiel und dem geistreichen „Pseudo-Verweis“ auf Sokrates, Sartre und Sinatra, ist eine kreative Übersetzung der Künstlerin eines kleinen gemalten Bildes in eine Fotografie.[2] Millar hat die Farbtöne mit Hilfe von Photoshop übertrieben, die Datei in ein Halbton-Punktbild konvertiert und dann dieses Bild per Siebdruck auf einen handgemalten Hintergrund aufgebracht. Der Punkt, der hier gemacht wird – abgesehen von dem offensichtlichen gefalteten Palimpsest-Ansatz bei der Umsetzung dieser Werkreihe – ist, dass die Hand und ihr Vertreter (der Computer) in der Arbeit integriert sind, um ein Original oder Unikat zu schaffen. Es ist ein absichtlich kalibrierter optischer Effekt, der die in den fertigen Bildern zu sehende koloristische Präsenz klärt und intensiviert.

Die schwierige Frage, wie man Zeit, Raum, und das Bildverfahren in einem künstlerischen Bild umspannt, fasziniert Millar und fordert sie heraus. Während sie gegenüber dem Gestus des Künstlers oder dessen identifizierender Markierung eine tiefe Skepsis hegt, da dies immer die Subjektivität des Ausdrucks über das gesehene Ding privilegiert, bricht Millar die konventionelle Bedeutungskette der Bildproduktion. Daher stellt sie mit den Mitteln der Übersetzung buchstäblich mit der Digitalisierung – das Bild in den Vordergrund, und zwar vor die direkten subjektiven Tendenzen der Markierung. Dies vorausgeschickt, wird Do Be Do wieder mit der Geste des Handgemachten integriert, die vom Bildträger präsentiert wird. Hier werden also, so meine ich, Zeit und Raum innerhalb des tatsächlichen Bildherstellungsprozesses geschichtet, in das Werk eingebettet und eingefaltet, was wirklich a priori die Präsenz des Bildes als Bild behauptet.

Es sollte allerdings nicht vergessen werden, dass das digitale Verfahren (oder Photoshop) immer noch den Verweis auf das „Machen“ enthält – es bedeutet, was es ist – da der Digitus so sehr Teil der Hand ist, wie er eben auch ein Computerverfahren ist. Millar verschränkt oder schichtet Formen, und es ist nicht überraschend, dass der Begriff „verschränken“ in der modernen Technologie und Kommunikation nichts anderes als „abwechseln“ bedeutet. Trotz alledem: Der Betrachter darf wegen meiner Betonung des prozessualen Aspekts dieser Werke nicht verpassen, was Do Be Do kraft seiner visuellen Präsenz aussagt. In den dazugehörigen Deluge-Arbeiten wurden die selben Siebe von Do Be Do verwendet, aber das Ergebnis ist hinsichtlich des visuellen Erscheinungsbildes dieser Arbeiten sehr viel fragmentierter und emotional zufälliger. Judy Millar ist eine Künstlerin (Malerin), die die komplexe Beziehung zwischen Malerei und Fotografie erschafft und gleichzeitig hinterfragt, zwischen der gestischen Markierung und ihrer Reproduktion, zwischen den intellektuellen und emotionalen Prozessen des Machens und dem Status des gemachten Dings. Das Klischee eines Gemäldes als ein Fenster in eine imaginäre Welt lässt sich nicht mehr halten; ein heutiges gemaltes Bild muss seine eigene Welt sein. Der Betrachter nimmt die Arbeit auf und vervollständigt sie, und die Künstlerin stellt die Mittel zur Verfügung, anhand derer der Betrachter eine Bewertung vornehmen kann.

 

 

Mark Gisbourne

Übersetzung: Wilhelm Werthern

 

 

 

Auf der Venedig-Biennale 2009 vertrat Judy Millar Neuseeland. Zu ihren letzten Einzel-ausstellungen zählen Be Do Be Do Be Do, Institute of Modern Art, Brisbane; I Give You The End Of A Golden Thread, Sullivan & Strumpf, Sydney; Comic Drop, Gow Langsford Gallery, Auckland; The Rainbow Loop, Museum Otterndorf. Sie war in Gruppen-ausstellungen vertreten wie Farbiges Grau, Mies van Der Rohe Haus, Berlin: Artists for Tichy, GASK, Gallery of Central Bohemia; The Hierarchy Problem, Rohkunstbau, Schloß Marquardt, Potsdam; Artists from Aotearoa, Frankfurter Kunstverein. 1994 wurde sie zum Moet & Chandon Fellow ernannt und 2002 war sie Preisträgerin des Wallace Art Award in Neuseeland. Sie erhielt Arbeitsstipendien der Colin McCahon Residency, Dunedin Public Art Gallery, des Goethe Instituts, Berlin und des ISCP Programms in New York.

 

Judy Millar lebt und arbeitet in Berlin und Auckland.

 



[1] Gilles Deleuze, „Was ist barock?“, Die Falte: Leibniz und der Barock. Übersetzt von Ulrich Johannes Schneider, Frankfurt: Suhrkamp 2000, (S. 49-67), S. 61.

[2] Eine witzige Variation von Sokrates’ „to be is to do“, Sartres „to do is to be“, and Sinatras Liedtext „DO be do be do“.