FAMILY MATTERS 

A group exhibition dealing with portraiture, family and social acceptance

Eröffnung: Freitag, 15. März, 18 Uhr
Ausstellungsdaten:  Freitag, 15. März – Samstag, 20. April 2013
 
 Ani Eloyan (AM) – Michael Huey (US) – Andrey Klassen (RU) – Deborah Luster (US) – Paul Pretzer (EE) – Mark Raidpere (EE) – Mari Sunna (FI)
 
Die Hamish Morrison Galerie freut sich, die erste Gruppenausstellung in diesem Jahr in der Friedrichstrasse präsentieren zu können.

 „In der Wahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein". (Paul Watzlawick)

 Die Darstellung des Einzelnen als Porträt oder auch der ganzen Familie diente jahrhundertelang dem Zweck, Macht und Ansehen auszudrücken, der Selbst-vergewisserung und der inszenierten Selbstdarstellung. Künstler nahezu aller Gattungen setzten sich mit Porträtmalerei auseinander, von van Dyck, Holbein bis zu Warhol.

Aber welche Funktion haben Porträts heute? Zeigen wir nicht auch heute noch in einer Art Selbstinszenierung nur den Teil unserer Familie, der uns repräsentabel genug scheint? Möchte man ein Portrait einer im Gefängnis sitzenden Verwandten präsentieren? Deborah Luster begann, Jahre später nachdem ihre Mutter von einem Auftragskiller erschossen wurde, fotografische Porträts von Gefangenen, meist Angeklagte von Gewaltverbrechen, in Louisiana anzufertigen. Die Gefangenen konnten in einem gemeinsamen Prozess mit Luster selbst entscheiden, wie sie dargestellt werden wollten, sich so inszenieren, wie sie gesehen werden wollten. Nach der Porträtsitzung wurde den Gefangenen eine Aufnahme überlassen, auf der Rückseite der Fotos sind persönliche Daten wie Alter, Geburtsort, Dauer der Gefängnisstrafe oder Anzahl der Kinder verzeichnet. Luster bezeichnete die Arbeit mit den Insassen als für sie kathartischen Prozess im Hinblick auf die Verarbeitung des Todes ihrer Mutter. Lusters gesamte Serie „One Big Self“ ist eins der stärksten Beispiele in den letzten Jahren für einen kontroversen Umgang mit dem Sujet Porträt.

Warum faszinieren uns Aufnahmen von Kriminellen in den öffentlichen Medien? Betrachten wir das von Ben Webb geschaffene Porträt einer Frau, „Study“ (2003). Wie ändert sich unsere Einschätzung und Wahrnehmung, wenn wir wissen, es handelt sich bei der Porträtierten um eine Mörderin? Ist die Darstellung nun weniger attraktiv oder gewinnt sie gerade dadurch mehr unserer Aufmerksamkeit? Suchen wir nach Hinweisen auf eine Identität, nach der Persönlichkeit, die sich in der Darstellung ausdrückt?

Mit der Moderne gelangten kontroversere Themen wie die Auswirkungen sozialer Mißstände auf den Einzelnen und die Familie oder innerfamiliärer Konflikte in die Darstellungen. In der heutigen Zeit gilt die traditionelle bürgerliche Kleinfamilie nicht mehr als alleiniges erstrebenswertes Ideal und das Verständnis von Familie wird durch verschiedene Lebensentwürfe erweitert. Die idealistische Vorstellung von der Familie als Schutzraum, als Hort von Liebe und Geborgenheit ist durch Umstände wie Zwangsehen oder die Erfahrung seelischer oder körperlicher Gewalt nicht mehr ohne Weiteres möglich, es existiert stets ein ambivalenter Blick auf die vorgefundenen oder erschaffenen Beziehungen. Wo wir heutzutage ein vermeintliches familiäres Idyll sehen, wird zwar einerseits eine innere Sehnsucht nach Harmonie angesprochen, aber andererseits wird gleichzeitig eine Skepsis hervorgerufen, die sowohl die Wahrheit der Darstellung als auch die grundsätzliche Möglichkeit dieses Idylls infrage stellt.

Betrachtet man die unklare Situation der Darstellung in Paul Pretzers „El Perro Amarillo“, so bleibt es vage, ob es sich hier um einen gewaltsamen oder zärtlichen Vorgang handelt. Und sehen wir in den Aufnahmen von Michael Huey friedliche Zeitdokumente, ­ die in gewisser Weise eine Parallele zu tausenden Fotos im Internet haben, welche ursprünglich einem höchst privaten Umfeld entstammen und nun ihrem Kontext entnommen in einem unkontrollierbaren Prozeß der Öffentlichkeit präsentiert werden – oder wirken sie beängstigend auf uns, spüren wir die Auswirkungen des extremen sozialen Drucks der 50er Jahre des vorigen Jahrhunderts?Welche Werte sind demnach eigentlich gemeint, wenn angesichts des Niedergangs der Kirche und den sich verändernden Familienstrukturen gegenwärtig ein „Zurück zu Familienwerten“ propagiert wird?

Mark Raidpere zeigt in seiner Arbeit „Voiceover“ aus dem Jahre 2005 ein Interview mit seinem eigenen Vater, der an Schizophrenie leidet. Während dieser, sichtlich bewegt, von der Angst spricht, seinen eigenen Sohn eines Tages nicht mehr erkennen zu können, übersetzt Raidpere scheinbar teilnahmslos die Worte vom Estnischen ins Englische. Verstehen wir uns als Zeugen eines berührenden Ereignisses, oder lässt uns die Diskrepanz der Empfindungen zwiegespalten innehalten?

Wenn wir uns bewusst machen, dass Identität nur durch die Gegenwart anderer gebildet werden kann, und wir die Charaktere und Familienstrukturen in unserem Leben erschaffen, die höchst individuell, subjektiv sind und gleichzeitig in immer größerem Ausmaß familiärem und sozialem Druck unterliegen, können wir uns vermehrt der eigenen Auseinandersetzung mit dem Thema Familie zuwenden und uns auch die Frage stellen, wie wir leben wollen.