NEW FRONTIERS

Gruppenausstellung mit:
Jasper de Beijer, Stefan Kübler, John Pule, Raffael Waldner

Eröffnung: Samstag, 24. Mai, 18 – 21 Uhr
Ausstellungsdauer: 24. Mai – 21. Juni, 2008

Mit dem Ausstellungstitel New Frontiers markiert die Hamish Morrison Galerie gleich mehrere, teils inhaltliche, teils formale Aufbrüche ins Neue. Die Künstler Jasper de Beijer (NL), John Pule (NZ) und Raffael Waldner (CH) setzen sich auf formal sehr verschiedene Arten mit dem Thema Kolonisation und Geschichtsinterpretation auseinander.

Jasper de Beijer (*1973 in Amsterdam, NL) dessen Photographien bisher vornehmlich in den Niederlanden und den USA zu sehen waren, wie zur Zeit in einer Einzelausstellung im Museum of Contemporary Art in Denver, ist erstmalig in Berlin vertreten. Er rekonstruiert in seiner aktuellen Photoserie Riveted Kingdom einen Teil einer vorwiegend europäisch dominierten Geschichtsepoche, des 19.Jahrhunderts. Er fertigt dreidimensionale Modelle von Stadtvierteln, Portraits und Räumen aus Papier. Er fotografiert diese Modelle und reproduziert sie zweidimensional, wiederum auf Papier. Er rekonstruiert und übersteigert nicht nur historisch repräsentative Motive, er rekonstruiert und übersteigert auch die typischen Farben, die in unserem Bildergedächtnis eng mit Motiven aus dieser Zeit verknüpft sind. Den Werken Jasper de Beijers gelingt es, durch ihre virtuos eingesetzte Künstlichkeit den ungestüm hoffnungsvollen Geist jener Epoche zu vermitteln. Man spürt den unbedingten Glauben an technischen Fortschritt, und daran das dieser Fortschritt zwangsläufig auch den Menschen verbessern würde. Technische Überlegenheit als Grundlage einer moralischen Überlegenheit, die wiederum die wirtschaftliche und kulturelle Eroberung ganzer Kontinente rechtfertigte. Geschichte aus Papier, reproduziert auf Papier, macht uns auf eindringliche Art und Weise deutlich, dass Geschichte von Menschen gemacht und beschrieben wurde und wird.

Raffael Waldner (*1972) CH, führt uns durch eine ganz alltägliche Erfahrung vor Augen,wie sehr wir auch heute noch durch den Geist der Kolonisation geprägt sind. Die Serie Kew Gardens besteht aus Farbfotografien mittleren Formats. Sie zeigen Pflanzen. Es handelt sich um wunderbar ausgeleuchtete, exotische Gewächse. Üppig und kräftig vermitteln die Photografien einen Eindruck der Fülle und der enormen Grosszügigkeit der Natur. Die feinen Abstufungen der Grüntöne, die Vielfalt der Blattformen in perfekter Harmonie zur Form und Farbe der Äste. Man kann diese Fotografien geniessen. Doch der Blick wird plötzlich aufgehalten durch kleine leicht zu übersehende Plastikschildchen.
Wir befinden uns im Botanischen Garten in London. Stolz geben die Schilder Auskunft über Alter und Herkunft der jeweiligen Pflanzen. Stolz geben sie damit auch Auskunft über die vielen Länder, die von Grossbritannien erobert wurden. Diese Pflanzen werden seit langer Zeit gehegt und gepflegt. Ihnen wurden Lebensbedingungen geschaffen, die genau auf sie abgestimmt wurden. Hier weiss man, wie man solche Pflanzen zu behandeln hat. Plötzlich scheinen diese Pflanzen wie die Spitze eines Eisbergs. Ein Berg von Kulturgütern, die in unseren Museen, Botanischen Gärten, Wohnungen, Parks etc. selbstverständlich einen besseren Platz gefunden haben, als in ihren Heimatländern. Wie Jasper de Beijer und John Pule gelingt es auch Raffael Waldner mit seinen Photografien die Aktualität von Geschichte und die Ambivalenz der Geschichtsinterpretation zu vermitteln.

Zum ersten Mal in Deutschland zu sehen sind Werke des neuseeländischen Künstlers John Pule (*1962 in Nuie, lebt in NZ). Er vermittelt in seinen grossformatigen, wunderbar komponierten Gemälden, die Auswirkungen jenes europäischen Machtanspruchs. Seine Gemälde scheinen einen Ausschnitt darzustellen, einen Ausschnitt aus einem Gebilde aus hängenden Pflanzen, immer wieder tauchen nestartige Verdichtungen auf, entsprechend der Formverdichtung wird auch der Farbauftrag dichter, intensiver, leuchtender. Hinter diesem hängenden Kosmos, entdeckt man feine Zeichnungen, in denen sich fremde mit vertrauten Symbolen vermischen. Die Zeichnungen schildern Episoden aus der Eroberung Polynesiens. Rätselhaft kombiniert Pule christliche Zeichen der Macht, mit Figuren und Ornamenten aus der jüngeren und mythologischen Vorzeit der Inselwelt. Wir sehen Fische in Bäuchen von Fischen, in deren Bäuchen sich wiederum fremdartige Tiere und christliche Symbole befinden, wir sehen immer wieder einen fremdartigen Vogel in verschiedenen Grössen. Oft werden enorme Gestalten von einer Fülle von kleineren Gestalten getragen. Gerade weil die  Zeichnungen sich einer eindeutigen Lesart entziehen, vermitteln sie keine eindeutige Wertung der Ereignisse. Es scheint nicht darum zu gehen, das die eigene Vergangenheit, die eigene Kultur die Bessere war, es scheint vielmehr darum zu gehen, sie als die Eigene und damit als Gleichberechtigte zu identifizieren. Pule gelingt es uns mit seinen formal wie inhaltlich fesselnden Gemälden mitzunehmen in eine Zeit, die für ihn wie für uns gleichermassen Geschichte ist und mit deren Folgen wir uns nun alle gemeinsam auseinander zu setzen haben.

Die New Frontiers zu denen Stefan Kübler (*1968, D) aufbricht, sind ganz anderer Art. Stefan Kübler sucht neue Herausforderungen in der reinen Malerei. Man kennt vor allem seine Papierarbeiten, in denen er Flyer, Postkarten und Tapeten zerschneidet  und Mosaik- bzw. Pixelartig wieder zusammensetzt. Obwohl sich das Motiv in rhythmischen kaleidoskopartigen Bildergeweben auflöst, ruft es Erinnerungen wach, an etwas, das man zu kennen glaubt und doch nie gesehen hat. Jetzt widmet sich Kübler vor allem der Malerei. Doch hat er nicht nur das Medium gewechselt. Auch und vor allem sucht er nach neuen Möglichkeiten in der Maltechnik. Es geht ihm nach wie vor um die Bewusstwerdung von Wahrnehmungsprozessen. Das Flüchtige, Schnelle, der kurze Eindruck. Bewegung und Fülle von visuellen Reizen hinterlassen oft nur noch farbige Spuren auf unserer Netzhaut. Diese Spuren versucht er in seinen Gemälden festzuhalten. Der medialen Dopplung unserer alltäglichen Wahrnehmung versucht er durch eine Dopplung der malerischen Technik näher zu kommen. Die Malerei ist eine Hinterglasmalerei, bei der am Ende die Scheibe abgenommen wird. Waagerechte, regelmäßige Pinselstriche werden in einer Gegenbewegung von Spuren durchkreuzt, die der Künstler mit den Fingern hinterlässt. Bei Nahsicht wird deutlich, dass das Bild glatt ist. Es findet eine Art Enttäuschung statt. Gerade weil sie keine haptische Spur hinterlassen gewinnen die Malspuren eine eigene Präsenz. Es geht um eine im besten Sinne experimentelle wie spielerische Grundlagenforschung über die Möglichkeiten der Malerei bei der Suche nach einem gültigen Bild zur Anschauung von Wirklichkeit.