Fallen into Chaos & Order


Eröffnung: Freitag, 8. Juni, 18 Uhr
Ausstellungsdauer: Freitag, 8. Juni – Samstag, 21. Juli 2012
 

Frank Badur (DE) – Ronald de Bloeme (NL) – Olle Borg (SE) – Prudencio Irazabal (ES) – Jon Laxdal (IS) – Tad Mike (NZ) – Russell Moses (NZ) – Judy Millar (NZ) – Han Schuil (NL)

 

Die Hamish Morrison Galerie freut sich, die erste Gruppenausstellung in den neuen Räumen in der Friedrichstrasse präsentieren zu können, in der Arbeiten von verschiedenen Künstlern und Gastkünstlern der Galerie gezeigt werden. 

`Das Chaos besiegt die Ordnung, weil es besser organisiert ist.´ (Terry Pratchett)

Bis heute beschäftigt die Frage nach dem Verhältnis von Chaos und Ordnung die Menschheit, von der Psychologie bis zur Physik widmen sich Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen der Untersuchung dieser Fragestellung. Der griechische Dichter Hesiod bezeichnete mit Chaos den Urzustand der Welt. Chaos steht für eine grenzenlose Leere. Nur ist diese Leere nicht leer im eigentlichen Sinne, sie birgt vielmehr schöpferisches Potential. So entstehen der griechischen Mythologie nach aus der endlosen, gähnenden Leere Gaia, die Erde, und Eros, die Liebe. Das Chaos findet seinen Gegenpart im Kosmos, der Ordnung der Welt als harmonische Einheit.

Man kann nun Chaos und Ordnung als Gegenteile begreifen, das Chaos als die Ursache der Ordnung betrachten oder sie in ihrem Aufeinanderbezogensein als gegenseitige Bedingung annehmen. In jedem Fall enthalten Chaos und Ordnung kraft ihrer Dualität eine auch künstlerische und kreative Schaffensprozesse generierende Potenz. Welche Rolle spielt also die Spannung oder auch die Balance zwischen Chaos und Ordnung in der entropischen Situation der Kunst? Wieso schauen wir etwas gerne an? Durch welches Maß an Ordnung wird unsere Aufmerksamkeit gehemmt? Zieht uns eine Symmetrie an oder suchen wir eher die Imperfektion, oder etwas Unerwartetes, Bewegtes? Betrachten wir etwa die Arbeit `Untitled´ des niederländischen Künstlers Han Schuil (*1958, NL): Eine in Schwarz und Grautönen bemalte Aluminiumschachtel, mit puzzleartig zusammengesetzte Flächen, die durch ihre dünne Umrandung in Weiß und bunten Farben klar abgegrenzt wirken. Sehen wir jedoch genauer hin, entdecken wir an manchen Stellen sehr kleine Dreiecke in unterschiedlichen Farben. Wie kleine Ausbrüche aus der eigentlichen Bildstruktur scheinen die winzigen Polygonale die Umrandungen zu bevölkern. Auch wird die Aluminiumkiste nach der Fertigstellung der Bemalung vom Künstler verformt. Dadurch erfährt das Werk eine vielfältige Veränderung: Die Darstellung selbst wandelt sich durch das Verbeulen der Oberfläche und die Dreidimensionalität wird besonders durch das Spiel mit dem einfallenden Licht stärker spürbar.

In Frank Badurs (*1944, DE) Zeichnungen wirkt zunächst augenfällig die scheinbar strenge Ordnung. Wir sehen neben geometrischen Farbflächen raster- oder gitterartig mit Bleistift gezogene Linien auf dem Papier. Die empfundene Ordnung der mit dem Lineal gezogenen Striche erfährt eine interessante Relativierung, wenn man die per Hand gezeichneten Linien bemerkt, durch die eine bewegende Spannung entsteht, die sich aber harmonisch in das Ganze einfügt. Ähnlich zu Badurs Blättern waltet auch in den Collagen des Isländers Jon Laxdal (*1950, IS), betitelt `Diary Sheets´, die Ordnung, indem wir ein Quadrat aus Buchstaben oder Worte in arabischer Schrift in Reihen untereinander angeordnet wahrnehmen. Bei genauerem Hinsehen erkennen wir jedoch, dass die einzelnen Worte keine Sätze bilden oder das Blatt mit den arabischen Zeichen aus ausgerissenen und dann neu zusammengesetzten Papierschnipseln besteht und somit ihrem ursprünglichen Zusammenhang enthoben wurden. Der Inhalt wird entfernt oder ist nicht mehr erfassbar und die Zeichen dienen scheinbar nur noch als graphisches Element in der Ordnung der Bildstruktur. Jedoch sind nicht nur ästhetische und formale Aspekte ausschlaggebend; Laxdal setzt sich intensiv mit der Bedeutung der jeweiligen Vorlage auseinander, insofern stehen die umgeordneten Kompositionen trotz oder gerade wegen ihrer Abstraktion immer noch mit dem Original in Verbindung.

Auch Ronald de Bloeme (*1971, NL) arbeitet in seinen Werken gewissermaßen mit Vorlagen, die in einen anderen Kontext überführt werden: Er bedient sich Zeichensystemen und Bildvorlagen, die Teil unserer heutigen Konsumgesellschaft sind. Das ursprüngliche Material wird verfremdet und in neue Strukturen transformiert. Die auf uns einwirkenden Kommunikationsmechanismen, die durchaus als Chaos empfunden werden können, erfahren eine Umordnung und Umdeutung. In de Bloemes großformatigem, fast collagenhaft wirkenden Gemälde `Not to be Reproduced II´ geben Ausschnitte von verschiedener Formation die unter der schwarzen Lackschicht liegenden Farbflächen in in Weiß, Gold, Neonorange und Olivgrün frei. Durch die Überlagerung verschiedener Schichten entsteht nicht nur eine Art Versteckspiel, auch wird das Ausgangsmaterial durch das dominierende Schwarz gewissermaßen zensiert. Zudem kommt durch die Spiegelung in der glatten schwarzen Lackschicht ein unberechenbares Element in die komponierte Anordnung der Farbflächen hinzu. In Judy Millars (*1957, NZ) Malerei hingegen erkennen wir deutlich die Markierungen einer frenetischen Bewegung vor einer rhythmisch aufgetragen wirkenden Malschicht. Die Farbe wird von der Künstlerin mit den Händen oder mit einem Spachtel abgekratzt oder verwischt. Innerhalb des Bildes werden Spannung, Energie und Körperlichkeit fühlbar, die Handlung trägt sich weiter. Trotz der vermeintlich ungerichteten Bewegung, die sich in den Bildern widerspiegeln mag, einem Übereinander und Untereinander des Malduktus’, verfährt Millar absolut kontrolliert und schafft so Werke von betörender Dynamik, die in den Kontakt mit dem Betrachter treten.