Erik Niedling, Redox 3DErik Niedling, Redox 3D

Erik Niedling, Redox  

Ausstellungseröffnung: 11. Juni 2010, 18 Uhr
Ausstellungsdaten: 12. Juni – 24. Juli 2010

"Das ist weit schwerer, als über die Farben etwas beizubringen, daher erscheint mir diese Abhandlung auch als ein Meisterstück, zu dem mir noch das Werkzeug fehlt." Ernst Jünger in « Gärten und Strassen »

Die Hamish Morrison Galerie freut sich, die Ausstellung Redox mit neuen Arbeiten des Künstlers Erik Niedling zu präsentieren. Dies ist Erik Niedlings zweite Einzelausstellung in der Hamish Morrison Galerie.
 
Niedling beschäftigt sich intensiv mit der Frage, inwiefern Fotografie Geschichte dokumentiert und erfasst. Dieser Fokus äußert sich u.a. in der Erforschung der deutschen Geschichte, z.Bsp. in den Serien Forst und Archiv. In Status, einer Serie die die internen Abläufe eines Museums dokumentiert, nähert sich Niedling der Geschichte als Konzept. Und in seiner vorangegangenen Ausstellung in der Hamish Morrison Galerie mit dem Titel Formation beschäftigte sich Niedling mit der Geschichte der Fotografie selbst.
 
Auch in seiner aktuellen Serie Redox behandelt Niedling die Geschichte der Fotografie. Er reflektiert über die Beschaffenheit des papiernen Dokuments und dessen heutige und zukünftige Bedeutung als Informationsträger. Auf den ersten Blick scheinen die Redox Fotografien auf große schwarze Flächen reduziert zu sein. Bei näherem Hinsehen jedoch gelingt es, subtile Lichtreflexe, feine Modulationen und ungeordnete Bewegungen auszumachen. Der aufmerksame Betrachter erkennt einzelne Buchstaben, manchmal Wörter, selten ganze Sätze. Die bizarren Formen, die manchmal an Blütenblätter erinnern, zeigen Asche. Erik Niedling hat internationale Tageszeitungen gesammelt, diese nach Ressorts und Themen geordnet und danach einem systematischen Verbrennungsprozess zugeführt.

Einerseits ist das Verbrennen von Papier ein gewaltsamer Akt und in einer Stadt wie Berlin ist dieser Akt auch mit einer düsteren Geschichte behaftet. Andererseits verdeutlicht Niedlings Gewaltakt auch die Fragilität der Geschichte; Fragilität nicht nur der Dokumente, die sie bewahren, sondern auch der Art und Weise, wie wir uns an sie erinnern. Die Asche-Fragmente sind Reste von Informationen, die fast all ihre Bedeutung verloren haben. Durch das Entschwinden der Bedeutung verblasst auch unsere Erinnerung. Fotografie ist ein Medium, das das entgegengesetzte Ergebnis erzielen sollte: sie ist dazu da, Informationen zu erfassen, ihren Verfall aufzuhalten und Erinnerungen langfristig zu erhalten. Niedling nutzt diese Spannung auf ironische Weise, indem er in seinen Fotografien Daten dokumentiert, die er selbst zerstört hat.  

Alle Bilder der Redox Serie sind vornehmlich schwarz mit weissem Rand. Diese vordergründig einfache Präsentationsform ist komplexer als sie zunächst scheint, da Niedling auf subtile Weise die Beziehungen zwischen den Gegensätzen auslotet. Die Farben Schwarz und Weiss lösen beim Betrachter unmittelbar zwei Assoziationen aus: die frühen Anfänge der Fotografie vom späten 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts und die vermeintliche Objektivität des Fotojournalismus. Der Betrachter ist darauf konditioniert eine gewisse Ehrlichkeit zu erwarten – wir nehmen an, dass eine Fotografie die Wahrheit abbildet. Obwohl Niedling bei weitem nicht der erste Fotograf ist, der diese Annahme in Frage stellt, tut er dies doch auf einzigartige Weise. Er verwandelt durch das Verbrennen von Zeitungen - der traditionellsten Quelle verlässlicher Nachrichten -  die schwarz-weiß Wahrheiten, die sie uns präsentieren, in parteiische, mehrdeutige und möglicherweise missverständliche Informationen. Plötzlich werden die Geschichten, die uns die Zeitungen erzählen, unglaubwürdig. 


Niedlings formaler Umgang mit schwarz und weiß hinterfragt auch unsere strikte psychologische, metaphysische und ästhetische Unterscheidung der beiden Farben. Durch das sorgsame Ausarbeiten der verschiedenen Schwarztöne erhalten seine Bilder reiche Nuancierungen, die in ihr Detailliebe fast barock anmuten. Gegen das Army- Grau der Galeriewände - einer Farbe die selbst gefangen ist zwischen schwarz und weiß -  treten die Fotografien in einen permanenten Zwiespalt: einer unlösbaren Beziehung zwischen ihrem Status als ästhetischem Objekt und dem Bild das sie repräsentieren. Indem sie die formale und kulturelle Geschichte der Fotografie auflösen, erscheinen Niedlings Arbeiten in einem Zwielicht, in dem ihre eigentliche Bedeutung irgendwo zwischen Abbild und Objekt oszilliert. Die Fotografien werden zu „horror vacui“ – leeren Räumen, die unser Geist zu füllen versucht, indem er sich der winzigen Fragmente bedient, die das Feuer verschont hat um unsere Erinnerungen wach zu rufen.

Erik Niedling wurde 1973 in Erfurt geboren. Seine Fotografien wurden bereits in zahlreichen Ausstellungen in Deutschland gezeigt, u.a. im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg und im Angermuseum Erfurt. Im Rahmen seiner Einzelausstellung Formation erschien 2008 ein umfassender Katalog im Hatje Cantz Verlag. Erik Niedling lebt und arbeitet in Berlin.