Andrew Cranston, Im Büro

Eröffnung: 12. März 2010, 18 Uhr
Ausstellungsdauer: 13. März - 17. April 2010   

 

 

„() vielleicht eilte dann ein junger Galeriebesucher die lange Treppe durch alle Ränge hinab, stürzte in die Manege, rief das: Halt! durch die Fanfaren des immer sich anpassenden Orchesters.() Da es aber nicht so ist; () legt der Galeriebesucher das Gesicht auf die Brüstung und, im Schlußmarsch wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.“

 Franz Kafka  „Auf der Galerie“

Die Hamish Morrison Galerie freut sich, ihre erste Einzelausstellung des schottischen Künstlers Andrew Cranston im Büro präsentieren zu können.

Andrew Cranston zeichnet und malt sowohl nach Beobachtungen als auch nach seiner Fantasie, ohne dass diese beiden Quellen in Konflikt geraten würden. Seine Ölgemälde präsentieren gesehene und mögliche, glaubwürdige und absurde Situationen; Cranston schafft Variationen der Realität. Die Malerei ist eine schöne Art des Lügens und Cranstons Werk bestätigt die Vorstellung einer Malerei der “wirklichen Fiktion”. Er ist eine Art Geschichtenerzähler, der Fiktion als Ausgangspunkt für seine Malerei gebraucht. Wie ein Schriftsteller erforscht er Gefühle, Gedanken, Szenarien, Charaktere und keine dieser Elemente scheinen von ihm zu handeln, manche tun es vielleicht doch. Es gibt wenig Handlung in diesen Geschichten. Sie sind Momentaufnahmen, Nebenschauplätze der möglichen Erzählungen, von denen sie einen Ausschnitt zeigen. Wenn die Malerei ein statisches Medium ist, dann sind die Figuren, die die Leinwände bevölkern, erstarrt, festgehalten in einem Moment, unfähig sich zu bewegen oder sich entschlossen in eine Richtung zu entwickeln.

Alle möglichen täglichen Phänomene dienen als Anstoß für Cranstons Gemälde: Passagen und Charaktere aus Literatur und Film, Witze, Anekdoten und alle möglichen Innenräume, reale und fantastische. Cranston grübelt ständig über die Situation nach, in der er sich selbst die meiste Zeit befindet – Kunst-schaffend in einem Raum irgendwo in Nordeuropa. Zwar ist dieser Rückzug selbst auferlegt, Vorübergehenden muss er jedoch wie das Leben eines Mönchs oder eines Gefängnisinsassen erscheinen. Ein Leben, das durch die Malerei in einer Parallelwelt stattfindet, kann absurd sein; es ist ein Leben in Bildern und nicht in der Realität. Cranstons Werke zeigen Künstler verschiedenen Kalibers und unterschiedlichen Erfolgs: egozentrisch, stark beschäftig, ehrgeizig, enttäuscht, abgehoben, frustriert, blockiert oder einfach nur absolut schrecklich. Einige sind im Zenit ihrer Karriere, andere heldenhafte Verlierer. Sie alle nehmen bereitwillig ihr Leben in einer Box – dem Künstleratelier – an. Und Wände sind nicht immer nur schlecht, manchmal sind sie gut und wichtig, um Einflüsse draußen zu halten und irgendetwas einen Sinn zu geben, sei es einer Zimmerecke. „Das Beunruhigende an Cranstons Gemälden ist seine Tendenz anzudeuten, dass die dargestellten Räume Bühnenbilder sind, dass die Wände nur Trennwände sind und dass der dunkle Hintergrund, der das Bild umrandet und bedrängt, alles erfasst, was im Bild zu sehen ist. Das Betrachten dieser einsamen Szenen ist eine sehr verunsichernde Erfahrung.“ (Jessica Lack)

Cranstons Gemälde sind im physischen Sinne handgemacht. Sie zelebrieren Oberfläche und Materie. Seine Farbe macht Dinge erkennbar und ist doch einfach nur Farbe. Beuys hatte Recht als er sie “farbigen Schlamm” nannte, um uns ihres Ursprungs zu erinnern. Und so sehr er auch schon Könige und Königinnen getäuscht, erfreut und geschmeichelt hat, ist der Hofmaler, wie talentiert und etabliert er auch sein mag, im Herzen doch ein Höhlenbewohner. 

 

VITA Andrew Cranston