RONALD DE BLOEME

Speisereste Kategorie 3

"In den Streifen liegt die Wahrheit" von  Sebastian Preuss, Berliner Zeitung 20.10.2011

 

Eröffnung: Freitag, 9. September 2011, 18 Uhr
Ausstellungsdauer: 9. September – 29. Oktober 2011
  
`Der wirkliche Zustand des Menschen ist der, wo alles Zeichen ist! ?
Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften

Die Hamish Morrison Galerie freut sich außerordentlich, unter dem Titel Speisereste Kategorie 3 die nunmehr dritte Einzelausstellung des niederländischen Künstlers Ronald de Bloeme (*1971) präsentieren zu können.

In den Ausstellungen der vergangenen Jahre dominierten strenge Kompositionen in werbekräftiger Farbgebung und undurchdringlich glatte und perfekte Oberflächen die Werke Ronald de Bloemes.

Mit einer Armee billboardgroßer Arbeiten gleichen Formats hinterfragte de Bloeme in der Ausstellung Diktatur (2009) die Vermittlungsstrategien und den Informationsgehalt visueller Zeichensysteme, wie beispielsweise von Verpackungsmaterialien oder Werbebotschaften, und reflektierte damit auch den Absolutismus heutiger Kommunikationsprozesse. Dementsprechend verwies bereits der Titel der vorhergehenden Ausstellung Piracy (2008) auf die visuellen Ressourcen, die Ronald de Bloeme freimütig erbeutet und in seinen Bildern umdeutet.

Mit dem ironischen Titel der aktuellen Ausstellung Speisereste Kategorie 3 deutet sich eine neue Entwicklung in de Bloemes Schaffen an. Seine Leinwände sind von noch beeindruckenderen Dimensionen; 2,90m x 5,40 m misst alleine das Gemälde Liberty, das Bild Salon umfasst stolze 3,20m x 6,30m. Bei beiden Werken handelt es sich um Triptychen, bestehend aus jeweils drei gleichgroßen Leinwänden, welche die Ausstellung majestätisch dominieren. In gleichem Maße wie seine Werke im Umfang wachsen, reduziert de Bloeme aber den Einsatz seiner Farbpalette.

Bereits mit der Farbigkeit des Gemäldes Liberty, einem satten Rot auf Weiß, überlagert von dunkelgrauen Zeichen, die entfernt an das Signet einer Zigarettenmarke erinnern, formuliert Ronald de Bloeme eine deutlich konzentriertere Sprache. Zudem bezieht er sich in dieser Arbeit besonders auf die legendären Schmetterlinge des niederländischen Künstlers René Dani?ls, dessen Werk ihn zu dieser Formensprache inspiriert hat.

In dem Gemälde Salon beschränkt sich de Bloeme auf die Verwendung eines gedeckten Orange, eines ins oliv mündenden Braun und eines klaren Weiss´. Das Formenrepertoire wirkt auch hier subtiler als in früheren Werken (Vgl. Fruit Salad I-III (2009), Waldputz (2008)). Die Komposition aus kleinen quadratischen Flächen, die sich stellenweise zu einem Karomuster vereinen, sowie der horizontalen und vertikalen, teilweise von feinen Linien durchzogenen, vieleckigen Flächen, dämpfen den Klang des Gemäldes. De Bloemes vormals lautstarke Aufforderungen verwandeln sich hier in ein leises, verführerisches Flüstern.

Bereits seit einiger Zeit bearbeitet Ronald de Bloeme die Oberflächen seiner Gemälde. In einige Werke (Black Gift (2008), Aqua Kiss (2009)) schliff er die Gebrauchsspuren der verwendeten Verpackungen eins zu eins in die perfekten Lackoberflächen ein, ähnlich einem trompe lóeil.

Neuerdings orientiert sich das Abschleifen der Oberfläche aber scheinbar nicht mehr allein an den Spuren der realen Vorlagen, sondern etabliert sich zusehends zu einem eigenständigen, malerischen Mittel de Bloemes. Diese Durchdringung der Bildhaut scheint wie eine neugierige Erforschung der eigenen Arbeitsweise. Oder vielleicht tauscht der Künstler die Darstellung der bereits vergangenen Zeit gegen die Vorwegnahme der noch zu vergehenden Zeit aus. Spuren einer simulierten Zeit, die jetzt der Kontrolle des Künstlers unterliegt und die er selbst unter einer transparenten Lackhaut einfriert, wodurch er sie den Auswirkungen jener Zeit, die außerhalb seiner Kontrolle liegt, zu entziehen vermag.

Auch die für de Bloemes Werk kennzeichnende Reduzierung und Verzerrung von Markenzeichen, sowie seine prägnante Eigenart zensierte Textblöcke zu Kompositionselementen zu verfremden, finden sich in verdichteter Form. Über das gesamte Gemälde Salon montiert der Künstler eine Art Schablone aus weißen Rahmen in unterschiedlicher Anordnung, mal übereinander, mal nebeneinander. Mit diesen entleerten Textblöcken oder Bildschirmen erhält das Gemälde eine faszinierende Ebenenvielfalt und Tiefe. Es scheint als dränge es Ronald de Bloeme immer weiter auf der Suche nach einer Essenz der vorgefundenen oder erbeuteten Bilder und Texte, die er intensiver denn je auf Ihren kompositorischen und kommunikativen Gehalt untersucht.

Seit jeher, bereits in seinen so wunderbar komponierten Postsackarbeiten der 90er Jahre, spiegelt sich in de Bloemes Werken seine Gewissheit über die Aussagekraft sowie Bedeutung des Gemäldes in der zeitgenössischen Kunst. Für ihn sind die Fragen und Antworten, welche die Malerei nach wie vor zu stellen und zu beantworten vermag, eine Herausforderung, der sich der Künstler ständig und mit einer großen Ernsthaftigkeit zu stellen hat. Die Frage nach den Möglichkeiten der Malerei, nach der Darstellbarkeit von Raum und Perspektiven, nach der Manipulation des Manipulierten, nach dem Charakter von Farbe als Sprache stehen für Ronald de Bloeme nach wie vor im Zentrum seines Schaffens, und folglich nicht zuletzt die damit verbundene Frage nach der Rolle des Künstlers selbst.

Ronald de Bloeme studierte 1992-1996 Malerei an der Willem de Kooning Akademie in Rotterdam. Im Jahr 2000 erhielt er ein Stipendium des Internationalen Atelierprogramms des Künstlerhauses Bethanien und wohnt und arbeitet seitdem in Berlin. Nach seiner Auszeichnung mit dem Vattenfall Kunstpreis Energie 2007 wurden seine Werke in Einzelausstellungen in der Berlinischen Galerie, Pharos Centre for Contemporary Art, Zypern, dem Stedelijk Museum Schiedam und der Galerie Deutsche Werkstätten, Dresden-Hellerau gezeigt und waren darüber hinaus in öffentlichen Gruppenausstellungen wie dem Albertinum, Galerie Neue Meister, Dresden, der Kunsthalle CCA, Andratx, Mallorca und in der Bel Etage, Berlin vertreten. In naher Zukunft werden seine Gemälde in einer umfassenden Ausstellung gemeinsam mit den Werken der Künstler Daan van Golden und J.C.J. van der Heyden im Stedelijk Museum Schiedam zu sehen sein.

 

 

 
 

Mit freundlicher Unterstützung der Botschaft des Königreichs der Niederlande